A-theismus: Der Menschheit Verlust, nicht Gottes Verlust

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Lange Zeit über gab es keinen Mangel an Menschen, die ihr Geld damit verdienten, auf die Seltsamkeit von Religion hinzuweisen. Kürzlich schlossen sich ihnen jene an, die erfolgreich daraus einen Beruf gemacht haben, auf die Seltsamkeit der Wissenschaft hinzuweisen. Wie Douglas Admas in einer Rede in Cambridge vor einigen Jahren sagte: “Die Tatsache, dass wir am Grund eines tiefen Schwerkraftbrunnens auf der Oberfläche eines mit Gas bedeckten Planeten leben, der um einen nuklearen Feuerball in 145 Millionen Kilometern Entfernung kreist, und dass wir all das als normal betreachten, ist offensichtlich ein Hinweis darauf, wie schief unsere Sicht auf das, was natürlich ist, zu sein neigt.”

Atemberaubende und ungerechtfertigte Annahmen darüber, was normal oder natürlich ist, haben die Beziehung zwischen den Weltanschauungen, die wir grob “Religion” und “Wissenschaft” nennen, belastet – mit üblicherweise wenig Rücksicht auf die Vielfalt der Formen, die sich unter jeder dieser Beschreibungen versteckt.
Mir wurde gesagt, dass 90% derjenigen, die heute in die Amerikanische Wissenschaftsakademie gewählt werden, Atheisten sind. Natürlich habe ich keine Möglichkeit, dies zu verifzieren, und ich bin auch nicht sicher, ob es irgendjemand anderer könnte. Wenn es jedoch nur annähernd wahr ist, dass 90% der Menschen, die sich jetzt an der Spitze der kreativen menschlichen Reflexion und Entdeckung unserer Welt befinden, Atheisten sind, dann ist das eine sehr beunruhigende Tatsache – und nicht nur für die religiös Orientierten.

Freilich könnten viele dieser Wissenschaftler immer noch prakitzierende Mitglieder bestimmter religiöser Organisationen sein, auch wenn sie nicht mehr hinter den Anschauungen stehen, die ihre Religionen offziell darüber haben, wie das Universum begann, wie es funktioniert oder wo wir hineinpassen. Einige haben vielleicht erfolgreich ihr Leben abgespaltet und sind aufgrund des Moralkodex, den religiöse Mitgliedschaft als einen Führer für das Leben bietet, religiös verhaftet gebleiben. Manche möchten vielleicht bestimmte Werte an ihre Kinder weitergeben.

Einen Moralkodex zu bieten, heißt jedoch nicht, die geringste Rechtfertigung für die übernatürlichen Behauptungen über die Realität anzubieten, was viele Religionen verkünden; beispielsweise, dass Gott vor knapp mehr als 6.000 Jahren eine besonders geschäftige Woche hatte, als er das Universum erschuf, oder dass Menschen auf Erden die einzige intelligente Lebensform des Universums wären. Und natürlich bieten Religionen auch alle Arten dubioser Moralkodices.Wenn wir immer noch einige der am meisten verehrten, historischen religiösen Texte wörtlich nähmen, würden wir Ehebrecherinnen zu Tode steinigen (man beachte die weibliche Form) und Unglückselige zur Bestrafung in die Sklaverei verkaufen. Und eine Sichtweise Gottes oder eine Religion, die so strukturiert werden kann, um Gräueltaten wie die Zerstörung des World Trade Center zu rechtfertigen, sagt nicht viel für die religiöse Grundlage dieser Moral oder für den Typ Gottes, der in der Vorstellung dahinter liegen mag.

Wenn 90% der Amerikanischen Wissenschaftsakademie wahrlich als Atheisten bezeichnet werden können, ist viel dieses Agnostizismus und Atheismus wahrscheinlich eine Reaktion auf derartige Karikaturen Gottes und unakzeptable und inkonsistente ethische Standards. Tatsächlich haben Religionen wahrscheinlich mehr Schaden an Gott angerichtet, als irgendeine andere Einrichtung in der menschlichen Geschichte. Einige der schrecklichsten Gräueltaten der Geschichte entstanden – eher seltsamerweise – daraus, Hass im Namen eines Gottes der Liebe zu predigen und zu praktizieren. Und wir sehen immer noch jeden Tag derartige Scheinheiligkeit in den Nachrichten.

Aber zurück zu unseren a-theistischen Wissenschaftlern. Unter einem Atheisten versteht man üblicherweise jemanden, der glaubt, jenseits der natürlichen physischen Welt gäbe es nichts – wie ein Witzbold es einmal formulierte: “Ein Mensch ohne unsichtbare Unterstützungsmittel.” Für den Atheisten gibt es keine unheimliche, schöpferische Intelligenz hinter der Existenz. Es gibt kein Überleben nach dem Tod. Und da die Welt nur aus Naturphänomenen besteht (deren Physik wir noch nicht verstehen können), gibt es keine Wunder.

Wenn ich mich sorge, dass so viele der führenden Denker unserer Tage sich selbst für Atheisten halten, ist das nicht, weil ich mich sorge, dass eine unheimliche Gottheit irgendwo nicht “ihren” gebührenden Anteil an Anbetung bekommt. (Wenn es ein derartiges Wesen gäbe, das unsere Anbetung brauchte, würde “es” mit genau diesem Bedürfnis jede realistische Behauptung, Gott zu sein, verspielt haben. Noch sorge ich mich darüber, dass Gott offensichtlich das Hauptopfer des Atheismus ist. Nein. Es ist tragisch, dass so viele der führenden Denker von heute -von Mythologien aus zweiter Hand über einen Gott zweiter Hand abgestoßen – schlussfolgern, dass es nichts derartgies wie ein Überleben des Todes des physischen Körpers gibt. Schlimmer noch, sie schließen, dass es nichts wirklich Bemerkenswertes gibt, dass der Mensch außerhalb des Physischen erreichen kann, während er noch lebt. Dies bedeutet, das Kind mit dem Badewasser auszuleeren. Letztlich setzt uns das Leugnen eines ‘göttlichen’ Elements im Menschen gefangen und erschafft eine weitere Form der Sklaverei. Menschen, nicht Götter, sind die wahren Verlierer in der trostlosen Landschaft des Atheismus.
Míceál Ledwith

April 2007