Das Rätsel der Maria Magdalena

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Rätsel: “Person von unbegreiflichem oder widersprüchlichem Charakter”

Von all den Figuren der alten Geschichte, die meine Vorstellungskraft in den letzten Jahren mächtig gefesselt haben, nimmt Maria Magdalena gewiss die Stelle der rätselhaftesten ein. Ihr Name wurde mit einer enormen Menge von Themen in Verbindung gebracht, die unsere Neugierde erwecken und von Verschwörungstheorie / Geheimgesellschaftenglossen bis zur den erotischen Andeutungen, die intime Gefährtin des Erlösers zu sein, reichen.

Es gibt wenig Zweifel, dass diejenigen, welche die Vorstellung, Jesus wäre in einer persönlichen Verbindung mit einer Frau gestanden, als unpassend oder sogar blasphemisch betrachten, gut beraten wären, zuerst nachzuforschen, warum sie Hass auf die Weise, wie Gott uns geschaffen hat, als ihre vorrangige religiöse Pflicht betrachten.

Aber vielleicht ist es noch wichtiger zu erkennen, dass diese Bedenken, die uns heute so sehr beschäftigen, die Zeitgenossen Jesu und Marias gar nicht so sehr beschäftigt haben. Vielleicht ist der Gedanke an eine derart enge Beziehung zwischen diesen beiden Menschen für uns heute ein solches Thema, da es eigentlich nur dazu dient, die echte Wichtigkeit der Botschaft dieser beiden Figuren zu verdunkeln. Die ganze Zeit über beschäftigen wir uns fröhlich damit, das herauszufinden, was trotzdem tatsächlich nur unsere eigenen gedanklichen Vorurteile und Übungen sind, aber auf ihre Kosten.

Einige anerkannte Autoren haben den berühmten Text aus dem gnostischen Evangelium nach Philip aus dem zweiten Jahrhundert zitiert: “Jesus liebte sie (Maria Magdalena) mehr als die anderen Jünger und küsste sie oft auf ihre Lippen.” (Philip 63,64). Was sie unbekümmert ignorieren, sind die Taten vieler bösartiger Termiten im Lauf der Jahrhunderte, die Löcher in den alten Manuskripten hinterlassen haben – genau dort, wohin diese geladenen Worte in den koptischen Text gehören. Es gibt kein Wort für “Kuss” und es gibt kein Wort für “Lippen” in dem Text, den wir haben. Diese Worte sind vielleicht jemandes gebildete Vermutung gewesen, aber es handelt sich mit Sicherheit um keine legitime Recherche, den Text zu zitieren, als ob es keine Lücken gäbe, denn wir füllen die Lücken mit Ausdrücken, die unserem eigenen Interesse entsprechen. Einige respektierte Autoren haben behauptet, dass die gnostischen Dokumente aus Nag Hammadi Maria Magdalena als Geliebte des Jesus beschreeiben. Es gibt keine derartigen gnostischen Texte.

Wenn man nach Beweisen einer besonderen Beziehung zwischen Jesus und Maria sucht, gibt es keine Veranlassung in den gnostischen Texten von Nag Hammadi der frühen 1940er zu suchen. Man sollte im Neuen Testament selbst nachsehen. Durch einen zufälligen Umstand der Geschichte schienen die ursprünglichen westlichen Redakteure des Neuen Testaments die Bedeutung nicht völlig zu erkennen, die bestimmte Erzählungen für den östlichen Geist tragen, welcher der Geist ist, in dem die sehr frühen mündlichen und schriftlichen Überlieferungen zu Jesus formuliert sind. In einem früheren Artikel dieser Serie (Die Götter der Menschen, III. Bleeping Herald, Juli 2008 – in Deutsch Juli 2011) habe ich die verschiedenen Referenzen im Kanon des Neuen Testaments analysiert, welche zweifellos zeigen, dass es in der Tat eine sehr spezielle Beziehung zwischen Jesus und Maria gab, daher gibt es keine Veranlassung, nach staubigen Dokumenten zu suchen, um dies in Texten zu beweisen, die vor einer Generation in einer alten Begräbnisstätte der sechsten Pharaonendynastie gefunden wurden.

Aber eine der Angelegenheiten, die mich in der Diskussion über die Magdalena heute am meisten beschäftigen, ist die Faszination für das geheime Wissen oder die geheimen Lehren, welche Jesus ihr angeblich als “Apostel der Apostel” erteilt haben soll. Eine der größten Täuschungen, die den Pfad der Menschheit auf ihrer Suche nach Evolution begleitet, ist die Überzeugung, dass es ein Geheimwissen gibt, das, wenn man es nur finden könnte, die Türen zu all dem, was wir uns je gewünscht haben, öffnen würde. Wahre spirituelle Evolution erfordert sicherlich wahres Wissen darüber, wie die Dinge sind, bevor wir irgendwelche Fortschritte machen können, und uns wurde gewiss weit mehr als genug fehlerhaftes Wissen über diese Angelegenheit von denen gefüttert, die zu ihrer eigene Befriedigung entschieden haben, dass sie für unser unsterbliches Schicksal verantwortlich wären. Aber Wissen für sich kann dies niemals bewirken. Es gibt kein Geheimwissen, das von irgendjemandem an irgendjemanden weitergegeben werden kann, das uns automatisch die Wunder des Universums zu Füßen legen würde.

Die Gnostiker des zweiten Jahrhunderts beschäftigten sich mit Geheimwissen, daher ist es keine Überraschung festzustellen, dass ihre Texte so gestaltet sind, wie sie sind. Wenn man glaubt, dass der Mond aus grünem Käse besteht oder dass die Sonne um die Erde kreist, sind das hinreichend harmlose Überzeugungen im Sinne des täglichen Lebens – es sei denn, man unterrichtet Astronauten. Wenn man glaubt, wir wären von Gott hierher gesandt worden, um unser Schicksal zu begreifen, indem wir eine Reihe von Regeln beachten, und dass Jesus hierher kam um zu leiden und für unsere Sünden zu sterben, sind auch dies relativ harmlose Überzeugungen, es sei denn, man berät Menschen darüber, wie sie ihr ewiges Schicksal in dieser Welt begreifen sollen.

Davon jedoch abgesehen gibt es kein Geheimwissen, das einem dies fertig zubereitet liefern könnte; es gibt nur Wissen, das einem dabei hilft, dieses Wissen in Erfahrung anzuwenden und das ist es, wo das Werk der Erlösung hinzukommt. Erlösung oder unser Schicksal zu lösen oder uns spirituell weiterzuentwickeln oder welchen Ausdruck man auch immer wählen möchte, um es zu beschreiben, kommt nicht von Wissen, sondern von dem, was man durch den Einsatz informierten Wissens erreicht. Deshalb wurde es immer das Große WERK genannt. Jedes Geheimwissen, das angeblich in gepriesenen Kreise in der Vergangenheit existiert haben soll, war nur geheim aufgrund einer Vorsicht, welche die großen Meister angewandt haben, um zu verhindern, dass die Information darüber, wie die Dinge funktionieren, in die Hände jener gelangen würde, die sie für ihre eigene selbstsüchtige Befriedigung verwenden würden, üblicherweise durch die Manipulation anderer. Das war der Sinn, in dem Jesus davon sprach, “die Perlen nicht vor die Schweine zu werfen”. Im Fall der Magdalena wurde, welch so genanntes “geheimes” Wissen ihr auch immer von Jesus gegeben wurde, ihr nur gegeben, um ihr eigenes Werk in der Reise der Selbstfindung, entlang welcher die Meisterschaft liegt, zu ermöglichen und zu leiten. Und es wäre ihr nicht gegeben worden im Kontext eines persönlichen Gefallens oder einer persönlichen Beziehung, sondern im Sinne dessen, was sie bereits verdient hatte, im Sinne persönlicher Bemühung und Entdeckung des Weges, auf dem die Evolution stattfindet. Im Grunde genommen besteht dies aus der Konfrontation und dem Umgang mit unseren eigenen Angelegenheiten, die uns ein Leben nach dem anderen lang blockiert haben. Es geht nicht darum, ein magisches Geheimwissen zu finden, das sich für uns darum kümmern wird.

Wenn Jesus also gewisse Geheimnisse Maria Magdalena offenbart hat, wie er es, wie festgehalten, auch mit seinem Zwillingsbruder Thomas gemacht hat, wurde dies nicht aufgrund einer privilegierten persönlichen Initimbeziehung oder Verbindung getan, sondern aufgrund der Ernsthaftigkeit, die sie dabei gezeigt haben, den Grad der spirituellen Evolution zu erreichen, den sie bereits geschafft hatten. Dies machte dieses Wissen nun bedeutsam für sie im Sinne persönlichen spirituellen Wachstums.

Maria war ein sehr gewöhnlicher jüdischer Name zu Zeiten des Neuen Testaments. Es gibt 16 Frauen, deren Namen wir aus den Evangelien des Neuen Testaments kennen, die mit dem Predigen Jesu in Verbindung gebracht werden und sechs von ihnen wurden Maria genannt. Wenn also der Name “Maria” im Neuen Testament erwähnt wird, gibt es üblicherweise eine weitere Eigenschaft dabei, um deutlicher festzustellen, wer die Person, von der gesprochen wird, tatsächlich ist; beispielsweise “Maria von Clophas”,  Maria von Magdalena” etc.

Genau genommen ist die Maria Magdalena der Evangelien, wie wir sie aus der christlichen Tradition kennen, eine Art Sammelfigur, die von der reformierten Besessenen bis zur reumütigen Prostituierten reicht, die Jesus vor seinem Leidensweg salbte.

Von den sechs Marien im Evangelium erkennen alle Maria, die die Mutter Jesu war. Dann gibt es eine Maria, die Lukas “die sündhafte Frau” nennt, die reformierte Prostituierte oder diejenige, aus der etliche Teufel ausgetrieben worden waren, gemäß Markus; diejenige, die Jesus for seinem Leidensweg salbte, gemäß Johannes, und darin diejenige, die ihn als erste im Garten nach seiner Leidensgeschichte im Garten sah und daher den Titel “Apostel der Apostel” verdiente. Wir haben Maria von Bethanien, welche die Schwester Lazarus’ ist. Im Evangelium nach Johannes ist es Maria, die herausragend ist, aber bei Lukas ist es Petrus. Aber dann war Lukas Petrus’ Sekretär und sie hatten wenig füreinander übrig. Erst im Jahr 591 n. Chr., in seiner berühmten Dreiunddreißigsten Moralpredigt wurden durch Papst Gregor den Großen all diese weiblichen Figuren in einer kombiniert.

Wer also war Maria von Magdalena, wenn sie nicht ein fünfteiliges Gemisch der Geschichte ist?

In Magdala, einer Stadt in der Nähe des oberen Endes vom See Genesareth war der Kult der Ischtar oder Astarte, der Muttergöttin und Königin des Himmels üblich. Der Ischtarkult hatte eine siebenfache Initation, in der das Taubenopfer als sehr wichtig betrachtet wurde. Die Taube war eigentlich das Symbol der Göttin. Es gibt unabhängige Belege, dass im Dorf Magdala Opfertauben gezüchtet wurden.

Aus Magdala kommend ist es sehr wahrscheinlich, dass Maria mit diesem Kult in Verbindung gestanden haben mag und die Aussagen im Evangelium des Hl. Lukas, dass sie eine Frau war, aus der sieben Teufel ausgetrieben wurden, könnte etwas ganz anderes bedeuten, wenn es in einem breiteren Kontext richtig interpretiert wird.

Es könnte sich überhaupt nicht auf einen Exorzismus beziehen, sondern auf einen gewissen Fortschritt auf dem Weg der Einweihung, wobei jede der sieben Ebenen der Einweihung symbolisch dadurch ausgedrückt werden könnte, in dem uns ein Teufel ausgetrieben wird – “sich seinen Dämonen stellen” wie wir es heute ausdrücken würden. Das Neue Testament betrachtete dies als eine schreckliche Sache. Es könnte sich tatsächlich als etwas ziemlich Wundervolles herausstellen, wenn man es im Sinne eine Fortschritts der Einweihung in der Schule der weiblichen Göttin von Magdala betrachtet.

Wir würden gut daran tun, uns daran zu erinnern, dass in der esoterischen Tradition der Hauptlehrer Jesu während seiner Zeit im Himalaya im Alter von 20 bis 26 Jahren ihm sagte, dass dann, wenn die Zeit seiner Leidensgeschichte unmittelbar bevorstünde, er ihm einen Krug wertvollen Balsams als Zeichen der Warnung, bereit zu sein, senden würde und um ihm zu versichern, dass er während der Zeit seiner Einweihung nicht alleine und verlassen sein würde.

Maria war diejenige, die die Salbung durchführte. Wies dies darauf hin, dass sie eine Verbindung mit der gleichen Bruderschaft und Schwesternschaft hatte, und hatte dies etwas mit dem Muttergöttinnenkult von Magdala zu tun?

Das ist nicht etwas, das ich beiläufig erwähne. In meiner DVD “Wie Jesus ein Christus wurde” sagte ich, dass meiner Meinung nach der größte Beweis dafür, dass Jesus in Indien und Tibet war, nicht nur die Schriftrollen, die so nachdrücklich besagen, dass er dort gewesen war, sind, deren berühmteste diejenigen waren, welche von Nicholas Notovitsch 1893 entdeckt und veröffentlicht wurden. Der wahre Hinweis, sogar wenn derartige Schriftrollen nie entdeckt worden wären, sind die gut über einhundert Hauptparallelen zwischen den Botschaften des Buddha und jenen des Jesus, auf die ich hingewiesen habe, auch obwohl der Buddha fünfhundert Jahre früher war. Bedeutet dies, dass Jesus ein Plagiator oder Buddha seine Inspiration war? Keinesweges. Es weist darauf hin, dass beide Kanäle einer viel älteren Weisheit waren, die jedem voraus ging, eine Weisheit, die so alt war wie die Fundamente der Welt.

Aber ich sagte zuvor, dass Maria Magdalena ein Rätsel wäre. Im berühmten Evangelium nach Maria, 1896 in Kairo von Dr. Carl Reinhardt entdeckt (eine weitere Kopie war Teil der Funde in Nag Hammadi 1946), aber erst 1955 veröffentlicht, ist es auch nicht schwierig, die sehr offensichtlich buddhistischen und taoistischen Vorstellungen zu entdecken und, angenommen, dass dieses Evangelium in enger Verbindung mit Marias Tradition stand, stellen sich dadurch einige sehr interessante Fragen über Maria und ihre Verbindungen in den Orient, die bisher niemand zum Ausdruck gebracht hat.

Im Evangelium der Maria wird Jesus zitiert, er habe gesagt: “Alle Natur, alle geformten Dinge, alle Geschöpfe existieren mit und in einander, und werden wieder in ihren eigenen Wurzeln gelöst werden, weil die Natur der Dinge nur in den Wurzeln ihrer Natur aufgelöst wird.” Das ähnelt sehr der taoistischen Vorstellung des Einsseins und der Wiederkehr, die man im Tao Te Ching findet: “Alle Dinge beziehen ihr Leben aus dem Tao; alle Dinge kehren dorthin zurück und es umfasst sie.”

Eine weitere auffallende Parallele im Evangelium der Maria ist die Beschreibung der Reise der Seele nach dem Tod und die Proben, die sie bestehen muss, und wie wichtig es ist, sich darauf vorzubereiten. Die ägypsichen Pharonen beschäftigten sich damit ab dem ersten Augenblick ihrer Herrschaft. Das erinnert unheimlich an Passagen im tibetischen Totenbuch, das die Begegnung mit dem liebenden und dem zornigen Gott beschreibt, auf welche die Seele nach ihrer Abreise aus dem physischen Körper trifft.

“Als die Seele die dritte Macht überwunden hatte, ging sie nach oben und sah die vierte Macht, die sieben Formen annahm. Die erste Form ist Dunkelheit, die zweite Verlagen, die Dritte Unwissenheit, die vierte die Aufregung des Todes, die fünfte das Köngireich des Fleisches und die sechste die närrische Weisheit des Fleisches, wogegen die siebte die wutentbrannte Weisheit ist. Dies sind die sieben Kräfte des Zorns.”

Ich meine daher, dass wir auf seltsame Weise mit Petrus und Andreas übereinstimmen müssten, dass Maria in der Tat auf sehr machtvolle Weise eine “Frau war, die fremde und seltsame Vorstellungen verbreitete”, offensichtlich viel mächtiger, als sie zu akzeptieren in der Lage waren. Aber bekam sie diese Vorstellungen wie Jesus auch aus dem Orient? Das ist der Hintergrund vor dem ich das Rätsel der Maria Magdalena gerne präsentieren möchte, wenn wir versuchen, ihre Bedeutung für heute zu verstehen; nicht nur die Reflexion der Sorgen der Gegenwart, was nur der Versuch sein kann, ihre Bedeutung in erotischem Sinne einzuschätzen, ob sie nun die Gefährtin Jesu war oder nicht. Dieser Aspekt wird zweifellos helfen, viele der Benachteiligungen, unter denen Frauen in den letzten zweitausend Jahren arbeiten mussten, zu korrigieren.

An dem Rätel der Maria gibt es viel mehr als das, was in den vier Evangelien des Neuen Testaments auftaucht, oder was traditionell mit ihrem Aufenthalt in Rennes-le-Chateau in Verbindung gebracht wird oder in der Goldenen Legende erzählt wird. Dieser Aspekt ist weitaus größer als einer der anderen; das ist es, wo das wahre Rätsel der Maria liegt, and es ist eines, welches die Autoren von heute erst bemerken müssen.

Miceal Ledwith ist Autor von “Die großen Fragen des Hamburger Universums”, “Wie Jesus ein Christus wurde”, und “Orbs: Clues to a More Exciting Univers.” Er ist Koautor von “Das Orb Projekt: Auf der Suche nach Energiephänomenen mit Digitalfotografie”, veröffentlicht 2007, in deutsch 2008. Er kann erreicht werden auf seiner Website: www.hamburgeruniverse.com

 

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